Heimatblätter 57

NR.: 57

Oktober 2021

20. Jahrgang

Liebe Heimatfreundinnen, liebe Heimatfreunde,

Corona legte das Land an manchen Stellen lahm. Daher berichte ich Euch heute umso lieber darüber, dass die Aufwertung unseres Heimathauses voranschreitet. Hier also mal ein Zwischenbericht zum aktuellen Stand der Arbeiten in unserem Heimathaus unter dem Motto:
Was tut sich derzeit und wo stehen wir?

Nachdem wir im letzten Spätsommer den Förderbescheid für die Aufwertung unseres Heimathauses aus der Hand der Ministerin Scharrenbach haben entgegennehmen dürfen, wurden nach einer Ausschreibung die Leistungen an ausgewählte Handwerksbetriebe vergeben. Im Oktober folgte dann der 1. Spatenstich und so sind wir seitdem mit dem Projekt beschäftigt.

Das Gesamtprojekt besteht aus folgenden Projektteilen:
Wiederherstellung des Bierkellers sowie der Räucherkammer und des Gesindezimmers, beides im Dachgeschoss. Außerdem wird das gesamte Treppenhaus in seinen ursprünglichen, historischen Zustand zurückgebaut.
Heute möchte ich etwas ausführlicher auf den Ausbau des Bierkellers eingehen:

Nach Aufstemmen des Bodens (Estrich) und seiner Entsorgung sowie Entfernung des gesamten Wandputzes wurde die Neugestaltung angegangen. Dazu wurden zunächst mehrere Heizungs- und Wasserrohre verlegt, die freigelegten Wandziegel gesäubert und teilweise ergänzt und im Bodenbereich wurde an den Wandseiten eine 3-reihige Klinkerschicht als Entwässerungsrinne gesetzt. Eine neue Entwässerungsleitung mit neuem Schacht wurden ebenfalls verlegt bzw. eingebaut. Sodann konnte das Schotterbett als Unterbau für die 3-schichtige Stampflehmschicht hergestellt und verdichtet werden. Im Rahmen dieser Arbeiten wurden Bodenstrahler eingelassen und an die Hauselektrik angeschlossen. Die alte Holzbalkendecke wurde von ihrem Kalkanstrich befreit und so in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt. Zuletzt wurden die sehr alte Kellertür, die zuvor fachmännisch aufgearbeitet wurde, wieder eingesetzt sowie die Wände im Fasseinwurf unter der großen Bodenklappe gereinigt und mit Kalkfarbe versehen. Die historischen Sandsteinplatten im Bodenbereich des Einwurfes wurden zuvor aufgenommen und gereinigt und danach auf einem Bett aus Splitt neu verlegt.
In den nächsten Wochen wird unter der fachlichen Leitung von Theo Sobkowiak der Bierkeller eingerichtet: teilweise mit den vorhandenen historischen und komplett restaurierten Gegenständen sowie weiteren ergänzenden Materialien aus der Zeit der alten Bierkeller!

Der Zugang zum Bierkeller wird über den vorhandenen Treppenabgang aus dem Hausflur heraus erfolgen. Hier sind noch Schreinerarbeiten erforderlich.

Es geht also gut voran, im nächsten Heimatblatt werde ich über das Treppenhaus und dessen einmalige Restaurierung berichten.

Glück Auf! – Ihr/Euer

Hans-Ulrich Peuser
(1. Vorsitzender)

 

„Tante Amanda“ – seit Jahrzehnten ein Begriff

Bauernhaus 250 – Gaststätte 90 Jahre alt

Doppelten Grund zum Feiern im Restaurant „Tante Amanda“ in Westerfilde. Das Fachwerkhaus, in dem sich die Gaststätte befindet, steht im kommenden Jahr 250 Jahre und 90 Jahre, seit Mai 1931 gibt es das bekannte Gartenrestaurant.

Das schmucke Bauernhaus wurde am 26. Mai 1772 errichtet, nachdem der ehemals Kiepsche Hof abgebrannt war. Daran erinnert die Inschrift im Torbalken über dem Eingang des Gasthauses:

DAS VORRIEGE HAUSZ iST DURCH FEUERS BRUNST ZERNICHTET
SO HABEN WIR DURCH GOTTES HÜLFE EIN NEUES AUF GERICHTET
ANNO 1772           DEN 26 MEI

Johann Gisbert Kiepe und Anna Katharina Mertens waren die ersten Besitzer. 1835 heiratete Gisbert Gröpper in die Familie ein, und später bekam der Hof seinen Namen. An die früheren Besitzer erinnert der Kiepeweg in Westerfilde.

Amanda Gröpper, schon damals „Tante Amanda“ genannt, versorgte in früheren Jahren durstige Spaziergänger kostenlos mit Milch und Wasser, hatte im Mai 1931 die Idee, dem viel frequentierten Bauernhof auch eine Gartenwirtschaft anzugliedern. Ihre „Hausmacher“ und ihr selbstgebackenes Bauernbrot waren weit bekannt, und sonntags herrschte auf den Bänken im großen Garten neben dem Bauernhaus mit der riesengroßen Kastanie Hochbetrieb. Als ihr Mann Karl Gröpper sieben Jahre später starb, ließ sie den Kopf nicht hängen. Sie machte weiter.

Später konnte sie sich auf die Unterstützung von Sohn und Töchter freuen. Bis 1964 stand Amanda Gröpper, die aus der bekannten Kirchlinder Familie Maas (Getränkevertrieb) stammt, ihren „Mann“, dann verpachtete sie das Lokal.

1960, als die Tochter heiratete, wurde aus der Gartenwirtschaft ein „richtiges Lokal“. Schwiegersohn August Arends baute die Tenne und die Ställe (ein Dutzend Kühe, Pferde und Schweine standen früher dort) zu einem schmucken Lokal aus. Wunderte sich ein Nachbar: „Dat hätt ick nich gedackt, datt man aus Kaudriete gute Butter maken kann!“
In der Tat: aus den Ställen — davon haben sich inzwischen viele überzeugt — war ein gemütliches Lokal geworden.

Stolz war „Tante Amanda“ auf ihre vorbildliche Kühlung der Getränke in einem neun Meter tiefen Brunnen. Allerdings hatte sie auf diese Weise auch nicht einkalkulierte Kosten, denn riss einmal ein Seil, blieb das Getränk in der Tiefe.

Tante Amanda“, einst Bauernhof mit dem ersten Garten-Restaurant im Umkreis. Heute können Jung und Alt die saisonalen Köstlichkeiten auf der neu ausgebauten Terrasse oder dem urigen Biergarten mit Spielplatz, Mini-Scooter und Tischminigolf genießen. Das angebaute Tafelhaus bietet Platz für Feierlichkeiten oder klassische Geschäftskonferenzen. Auch ein Cateringservice ist im Programm.

Im Sommer lockt neben der großen Gartenterrasse nicht nur der schöne Biergarten. Eine Tischminigolfanlage, Elektroautos sowie verschiedene Turn- und Klettergeräte sorgen für reichlich Beschäftigung der kleinen Gäste. Auf Grund seiner schönen, ländlichen Lage im Grünen, wird „Tante Amanda“ nicht selten zum Ausflugsziel.

Heute führt Familie Leuthold mit ihrem Team das gastfreundliche Haus und die seit jeher geltende Devise steht obenan: „Jeder, ob jung oder alt, soll sich bei uns wohlfühlen“

Franz-Heinrich Veuhoff

 

Ein „Schlückchen“ Geschichte

Biergärten gibt es noch nicht so lange

Wer hat sie erfunden? Wenig überraschend: Die Bayern waren’s. Überraschend hingegen schon, dass es die urige Romantik aus Bank, Baum, Bier und Brotzeit nicht schon seit Urzeiten gibt, schließlich datiert das Reinheitsgebot ja bereits auf das Jahr 1516.
Von der mittelalterlichen Brauvorschrift bis zu den ersten Biergärten vergingen knapp 300 Jahre. Damals begannen die bayerischen Brauer damit, dass im Winter gebraute Untergärige im Sommer direkt aus ihren Kühlkellern zu verkaufen.

Zur Gärung wurde Bier in tiefen Kellern entlang der Isar-Flussterrassen mit dem im Winter geschlagenen Eis gekühlt. Um die Durchschnittstemperatur in den Kellern weiter zu senken, bedeckte man den Uferboden über den Kellern mit Kies und bepflanzte ihn mit Kastanien, deren Schatten im Sommer die Temperaturen in den Kellergewölben niedriger halten sollten. Die flachwurzelnden Kastanien schädigten außerdem das Kellergewölbe nicht.

Die Notwendigkeit hatte einen Ort mit perfektem Ambiente geboren und zur Abrundung der Gemütlichkeit stellte man schlicht Bänke und Tische hinzu.

1812 erging die erste bayerische Verordnung, die noch untersagte, etwas anderes als Brot zum Bier zu reichen. Doch 13 Jahre später durften endlich auch andere Speisen serviert werden.

Bild : Gartenanlage des Restaurants Hubbert in Brüninghausen

In unserem Stadtbezirk sind Biergärten selten geworden. Nur die üppigen Baumbestände in den Gärten früherer Gaststätten (beispielhaft Wiegand in Oestrich, Schemhoff in Brüninghausen, Schaarmann in Schwieringhausen und Wiemann in Nette) lassen die ehemals gemütlichen Stätten der warmen Jahreszeit erahnen. Kaffsack, Vereinshaus in Mengede und Hubbert in Brüninghausen boten auch andere Attraktionen wie Freiluftkegelbahn (Kaffsack) oder Volieren mit verschiedenen Kleintieren (Hubbert, Vereinshaus). Überlebt haben Tante Amanda und „Am schönen Wiesegrund“ in Westerfilde und Wiemann (Fachwerk) in Bodelschwingh, die nach wie vor zur gemütlichen Rast unter schattigen Bäumen einladen.

Franz-Heinrich Veuhoff

Fußball statt Turnen

wie auch in Mengede der Ballsport salonfähig wurde und die Tagespresse half tatkräftig mit!

Als es den BVB noch nicht gab …

… gründeten 20 junge Leute bereits am 28. April 1907 in der Gaststätte Kornehl (später Schaarmann, heute „Handelshof“), den „Spiel und Sport Mengede 07“. In einer Zeit als man unter Sport Turnen an Barren, Reck und Pferd aber auch Ringen, Gewichtheben und Pyramidenbau verstand, hatte die Bevölkerung für den Fußballsport nur ein müdes Lächeln übrig.

So wurde überliefert, dass Männer, die von England kamen, den staunenden Freunden zu erzählen wussten, dass die Leute über dem Kanal, so vernünftig sie sonst auch seien, doch recht kindlichen Vergnügungen huldigen. So unterhalten sich junge Leute, einen Lederball auf einer Wiese  herumzustoßen.

 

 

„Kindliche Lümmelei“, so verspottet setzten sich die frühen Fußballer gegen alle Widerstände durch.

Letztlich setzten sich auch die Mengeder Jungkicker gegen alle Widerstände durch, was den Fußballsport weit über den eigenen Stadtteil hinaus zu seinem Durchbruch verhalf.

In der Gründungsphase des Clubs fühlte sich die Mannschaft noch nicht in der Lage, den bereits etablierten Vereinen Paroli zu bieten. Den Bürgern aber sollte Fußball als ernst zu nehmende Sportart bekannt gemacht werden. Deshalb luden die Mengeder den Castroper SV 02 ein, am 23.06.1907 auf der Mengeder Sportwiese gegen den Dortmunder FC 95 anzutreten.

Die Castroper Zeitung vom 25.06.1907 schenkte diesem Spiel folgende Beachtung: „Vergangenen Sonntag veranstaltete der Castroper Sportverein gegen den Dortmunder Fußballclub auf der Mengeder Sportwiese ein Propaganda-Fußballspiel. Das Spiel wickelte sich in der schönsten Weise und unter der größten Teilnahme der nach vielen hunderten zählenden Zuschauer ab. Wenn auch Castrop keinen Sieg errang (Resultat 2:2), so konnte man doch bemerken, daß vielfach das Dortmunder Tor von den Castropern belagert wurde. Mit bewundernswerter Ruhe arbeitete Rienhaus als rechts außen, ebenfalls war in der Stürmerei besonders Albers auf seinem Posten und als Verteidiger bewährten sich Lüneburger und Mewe. Das erste Tor wurde von Kröselberg gesetzt und von Bormann getreten.“

Ein Fußballspiel ohne anschließend gebührend gefeiert zu werden, war auch damals undenkbar. So wusste die Castroper Zeitung über ein gemütliches und ungezwungenes Zusammensein im „Deutschen Haus“ zu berichten. Die dortigen Reden der Funktionäre mögen heute befremdlich klingen. Die Rede des Herrn Markus, Bezirksobmann des Westdeutschen Spielverbandes wurde in der Zeitung wie folgt zitiert: „Die Haupt Devise des Deutschen Spielerverbandes sei, dem Vaterlande tüchtige u. kräftige Leute zu erziehen, die gestählt sind gegen Wind u. Wetter. Zum Schluss seiner Rede forderte er die Mitglieder des Mengeder Sportvereins auf, einzustimmen in ein dreimaliges Hoch und wünschte den fremden Vereinen (Castroper Sportverein und Dortmunder FC) ferneres Blühen, Wachsen und Gedeihen. Reden, Vorträge und gemeinschaftliche Lieder wechselten in bunter Reihe und viel zu früh schlug manchem die Abschiedsstunde.

Gastspiele ohne Mengeder Beteiligung sollten jedoch der Vergangenheit angehören. Deshalb brannten die Mengeder Kicker darauf, der Öffentlichkeit einen eigenen Wettkampf zu präsentieren. Am 22. September 1907 war es dann so weit. Gegen den Rauxeler FC sollte der erste Sieg her. Die Castroper Zeitung berichtete wie folgt:

„Die erste Fußballmannschaft des hiesigen Sportvereins trug Nachmittag bei herrlichstem Wetter gegen die erste Mannschaft des Rauxeler Fußballclubs auf dem hiesigen Sportplatze ein Gesellschaftsspiel aus. Nach einem äußerst scharfen und aufregenden Kampfe siegte Rauxel mit 3:2.“

Der Sieg im ersten Spiel blieb den Mengeder Kickern zwar verwehrt. Den großen Siegeszug feierte jedoch der Fußballsport, der bald darauf seinen festen Platz in der Gesellschaft einnahm.

Peter Kaufhold

Man „fringste“ vor 75 Jahren:

Ein Ende des strengen Winters 1946/47 war nicht abzusehen. Lebensmittel waren knapp, Kohlen und andere Brennstoffe waren kaum zu bekommen. Die Bevölkerung hungerte und fror.

Mit Blick auf die schlechte Versorgungslage der Menschen hielt der Kölner Erzbischof Joseph Kardinal Frings 1946 kurz nach seiner Ernennung zum Kardinal in der Kirche St. Engelbert in Köln-Riehl seine berühmte Silvesterpredigt, in der er sagte:

Wir leben in Zeiten, da in der Not auch der Einzelne das wird nehmen dürfen, was er zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit notwendig hat, wenn er es auf andere Weise, durch seine Arbeit oder durch Bitten nicht erlangen kann.“

Joseph Kardinal Frings (1887 – 1978)

Das noch vorhandene handschriftliche Konzept der Predigt macht deutlich, dass Frings seine Äußerungen nicht zufällig tat, sondern dass er sehr mit den Formulierungen gerungen hat.

Weil Frings „ein menschenwürdiges Leben“ unter den herrschenden Umständen nicht für möglich gehalten habe, habe er den „etwas kühnen Vorstoß“ „zu Selbstbedienung und Mundraub“, (also zum Diebstahl von Lebensmitteln und Heizstoffen für den lebensnotwendigen Eigenbedarf) formuliert, wenn auch auf sehr vorsichtiger Weise und mit vielen Einschränkungen. Der Begriff „Fringsen“ ging wie ein Lauffeuer durch die ganze Diözese. Überall wurde tapfer Kohle geklaut – auch bei uns.

Der folgende Streit mit den Behörden und seine durch das Wort „fringsen“ angedeutete Popularität im Volk haben Frings zeitlebens darüber nachdenken lassen, ob seine Wortwahl an Silvester 1946 wohl die richtige gewesen sei.

Ein beliebter Ort zum „Fringsen“ war bei uns die Eisenbahnlinie hinter der Komponisten-Siedlung am Luisenplatz in Nette. Hier stand ein Signal an der Eisenbahnlinie, das wie von Geisterhand – und nicht vom Stellwerk gesteuert – in der Dunkelheit auf „Halt“ fiel. In Sekundenschnelle war der Bahndamm bevölkert wie ein Ameisenhaufen, die Kohlenwagen wurden um das begehrte Brennmaterial erleichtert und Ruck-Zuck bekam der Zug wieder „Freie Fahrt“. Der Spuk war vorbei und die Kohlen im Keller.

Franz-Heinrich Veuhoff